Unterwegs

Die diesjährige Ausfahrt der Chemnitzer Wohngruppe 053 der Volkssolidarität war eingebettet in die 875-Jahrfeier der Stadt und führte die teilnehmenden 36 Männer und Frauen bei einer Tagestour mit dem Bus an geschichtlich bedeutsame Stellen innerhalb und außerhalb des Ortes. Persönliche Erfahrungen aus einem jahrzehntelangen Leben in Chemnitz – von 1953 bis 1990 Karl-Marx-Stadt – verbunden mit Kindheit, Schulbesuch, Arbeitsleben, unterschiedlichsten Alltagserlebnissen, Familienleben und vielem mehr, mischen sich mit dem, was am 24. Mai 2018 auf der Stadtrundfahrt gehört und gesehen wurde, eingeschlossen die Abstecher nach Ebersdorf, Klaffenbach und Rabenstein. Vorbereitet hatten den Ausflug Mitglieder der Gruppen bereits seit längerer Zeit.

Das Wetter war angenehm. Am Vortag hatte es noch stark geregnet, aber nun war es lediglich bewölkt, nicht ganz so heiß. Voller Erwartungen begann die Fahrt um 9:30 Uhr an der Buswendeschleife am „Alten Flughafen“. Wo sich 1974 das Baugebiet 2 des Fritz-Heckert-Gebietes befand, wurde seit 1926 zu Flughäfen innerhalb von Deutschland und ins Ausland geflogen.

Annemarie Uhle gab während der Fahrt Hinweise zu ausgewählten Plätzen und Werksanlagen, welche die Industrialisierung des „Sächsischen Manchesters“ geprägt haben. Wer sich aufmerksam umschaut, sieht noch heute Schornsteine, die damals in größerer Zahl das Stadtbild bestimmten, besonders entlang der Zwickauer Straße in Kappel – Fingerzeige der Arbeit. Ebenso wie beeindruckend gestaltete Fassaden von Werksgebäuden, in denen heute andere Einrichtungen untergebracht sind, wie bspw. medizinische Praxen in der Esche-Fabrik an der Goethestraße. Im Bereich der heutigen „Messe“ an der Zwickauer Straße waren die bekannten „Wanderer-Werke“, das spätere „I-Werk“ beheimatet. Gar nicht weit entfernt das Industriemuseum, einst erster Produktionsstandort der „Rudolf-Harlaß-Gießerei“. Sicher wird der eine oder andere Teilnehmer der Ausfahrt in die Sonderausstellung „Das Herz von Chemnitz – 220 Jahre Industriekultur“ gehen (zu besichtigen bis 4. November 2018), um noch viel mehr zu erfahren.

Bei einem kurzen Halt an der Theaterstraße sprach Brigitte Kusche über die bis ins 12. Jahrhundert zurückreichende Geschichte des heutigen Chemnitz. Das Benediktinerkloster auf dem Schloßberg, um 1136 erbaut, beruht auf einer Schenkung von Ländereien durch Kaiser Lothar an die Römische Kirche. Sein Nachfolger, König Konrad aus dem Geschlecht der Stauffer, übertrug den Benediktinern in einer Urkunde des Jahres 1143 das Recht,  in der Nähe des Klosterberges einen reichsoffenen, unter Königsschutz stehenden Fernhandelsmarkt zu eröffnen. Dieses Dokument für das Kloster am „locus kameniz dictus“ (am „Chemnitz genannten Orte“) gilt als urkundliche Ersterwähnung von Chemnitz, es ist gewissermaßen der Beleg für die 875-Jahrfeier. Hinzu kam die Erteilung des Bleichprivileges. Chemnitz konnte sich damit in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu einem Zentrum des obersächsischen Garn- und Leinwandhandels entwickeln. Die Wiesenflächen beiderseits des Flusses Chemnitz waren in der damaligen Zeit bestens für das Bleichen in großem Maßstab geeignet.

Eine Veranstaltung am 10. Juni widmete sich eigens diesem Geschehen: „Großes Bleichen 1357 – Bleichen auf historischer Stätte Uferpark an der Janssenfabrik Schloßstraße 12“. Diese und andere Informationen, so auch zur Bewerbung von Chemnitz als Kulturhauptstadt 2025, gab es aus Prospekten und Hinweisen während des Busstopps von zwei sachkundigen Vertretern der Stadt, die sich in ihrer Arbeit mit dem Wirtschafts- und Kulturleben beschäftigen. Sie ließen es sich nicht nehmen, unserer Ausfahrt ein gutes Gelingen und interessante Eindrücke zu wünschen.

Weiter ging es nach Ebersdorf an die Stiftskirche „Zu unserer Lieben Frauen“ (1511: „Unser lieben Frauen Gestifft“), gewidmet der Jungfrau Maria. Es ist dem Lenken unseres Busfahrers zu danken, dass wir sicher durch die engen Ortsstraßen und Kurven zu dieser einstigen Wallfahrtskirche gelangten, so dass der Weg zur Kirche und das umliegende Gelände auch für die Teilnehmer der Exkursion erreichbar blieb, die nicht so gut zu Fuß oder mit dem Rollator unterwegs waren. Es ist heute noch beeindruckend, die massiven Außenmauern des Gotteshauses, vorwiegend aus Porphyrgestein errichtet, auf sich wirken zu lassen. In früheren Jahrhunderten war die gesamte Anlage von einer Außenmauer umgeben. Der romanische Vorgängerbau des Kirchengebäudes wird um die gleiche Zeit errichtet worden sein wie das Benediktinerkloster in Chemnitz. Schon aufgrund der räumlichen Nähe und der durchführenden Handelsstraße muss es zwischen Chemnitz und Ebersdorf verschiedene Verbindungen gegeben haben. Dabei handelte es sich bei Letzterem nicht um ein lehenspflichtiges Klosterdorf der Benediktiner wie etwa Klaffenbach oder Rabenstein. Für Ebersdorf lag die Lehenshoheit über viele Jahrhunderte bei der Herrschaft von Lichtenwalde. Die Eingemeindung nach Chemnitz erfolgte erst 1919.

Während wir den Innenraum des Gotteshauses mit seinen kostbaren mittelalterlichen sakralen Kunstwerken auf uns wirken ließen, erzählte uns Irmtraud Weiß vom Gemeindeamt der evangelisch-lutherischen Stiftskirche einiges über die Geschichte der Wallfahrtskirche, von den wertvollen Stiftergaben und vom heutigen christlichen Gemeindeleben.

In unserer Wohngruppe der Volkssolidarität hatte Brigitte Kusche verschiedentlich über Legenden und wertvolle Votivgaben gesprochen, so dass das Interesse an den spätgotischen Schnitzereien oder an den Kleidungsstücken der beiden Prinzen und des Köhlers, ihres Retters, nach dem glücklichen Ausgang des Prinzenraubes groß war. Skulpturen von Hans Witten wie die beiden Pulthalterfiguren beeindrucken. Das hölzerne Schiffsmodell aus vorreformatorischer Zeit soll – einst mit Gold gefüllt – von einem „Junker Wolff aus Lichtenwalde“ gestiftet worden sein. Ein Dank an die Heilige Maria, die eine sichere Rückkehr des Schiffes über das vom Sturm aufgewühlte Mittelmeer ermöglicht habe.

Die Fahrtroute nach Klaffenbach war so gewählt, dass sie in Chemnitz über den Schloßberg führte, vorbei an Schloßkirche  und Museum. In beiden Bauwerken sind Räume und Gebäude des einstigen Benediktinerklosters noch vorhanden oder nachweisbar, von dem aus die Stadtgeschichte ihren Anfang nahm. So die Küche, von der bekannt ist, dass die Mönche und ihre Gäste bestens versorgt wurden.

Wir konnten im Gewölberestaurant des Schloßhotels Klaffenbach ein gutes Mittagessen einnehmen. Nach einem Gruppenbild zur Erinnerung ging es zum letzten Ziel der Tagesfahrt: zum restaurierten Burghotel Schloss Rabenstein. Mit dabei auf dieser Etappe Peter Klingst, der über die jüngere Geschichte von Karl-Marx-Stadt/Chemnitz sprach. Vorbei am ehemaligen Kulturpalast der Wismut, am Tierpark Pelzmühle bis zum Parkplatz am Hotel. 1776 im barocken Stil war das Schloss als Herrenhaus zum Rittergut Oberrabenstein vom Chemnitzer Bleichereibesitzer Johann Georg Siegert erbaut worden. Die heute wieder im barocken Goldglanz strahlende Inneneinrichtung des Speisesaals und das Haus selbst hatten nur wenige aus unserer Reisegruppe bisher gesehen. Nach einem bestens arrangierten Kaffeegedeck hieß es: Einsteigen zur Rückfahrt. Ein kurzer Blick durch eine Sichtschneise von der seitlichen Schlossmauer aus ließ den Turm der Burg Rabenstein auf den Felssporn aufsteigen – beeindruckend und eine Erinnerung daran, das noch Vieles aus der Geschichte zu erzählen ist.

aus VS Aktuell 3/2018, erschienen im  VS Aktuell   VS Aktuell 3/2018 Aus dem Mitgliederleben